Die Hofnarren der Inklusion
Inklusives Grillen von Legofiguren

Inklusion ist leider noch lange kein Kinderspiel

In den letzten Monaten hat die Diskussion um Inklusion und Schule auch in Deutschland die Kolumnisten erreicht und Harald Martenstein und Jan Fleischhauer bekommen auf einmal Angst, dass Menschen mit sogenannten “geistigen Behinderungen” auf Regelschulen dürfen.

Ja, eigentlich sollte man auf Kolumnen nicht reagieren, weil man ja wissen sollte, dass Martenstein, Mattussek, Fleischhauer und Co damit nur provozieren wollen und man sollte das alles nicht so ernst nehmen. Leider ist das nicht so einfach, weil die Journalisten mit spitzer Feder doch eine große Aufmerksamkeit genießen und die Kommentar-Spalten schnell voll sind mit “endlich sagt es mal einer”. Ja und so sagte auch mal Martenstein, dass die Inklusion nur eine große Gleichmacherei sei oder nach Fleischhauer nur eine “Utopie”. Aber um was geht es eigentlich? Für beide ist der Reibungspunkt der “Fall Henri”: Eine Mutter möchte, dass ihr Sohn mit Trisomie 21 das Gymnasium gemeinsam mit seinen Freunden besuchen darf, weil er laut der UN-Behindertenrechtskonvention das Recht dazu hat sich auf einem Gymnasium zu beweisen. Wie genau der Einzelfall zu bewerten ist, ist eine diskussionswürdige Entscheidung der Schule, aber den beiden Kolumnisten reicht nur der Punkt: Jetzt sollen alle Menschen mit “geistigen Behinderungen” auf Gymnasien, auch wenn sie dem Stoff nicht folgen können? Das geht doch nicht!

Doch nicht nur für die Kolumnisten ist das Gymnasium und der heilige Gral: Das sehr ausdifferenzierte deutsche Schulsystem beschult jeden nach seiner Leistung. Darum dürfen auf ein Gymnasium nur die besten Kinder – Menschen mit sogenannten “geistigen Behinderungen” sollen sich doch bitte in einer Förderschule wohlfühlen. Es reicht ja, dass viel getanzt und musiziert wird. Wer glaubt, dass ich mir solche Argumente gegen inklusive Schulen nur ausdenke, der sollte sich mal zu dem Thema die Presseschau zu Jauch-Debatte auf Leidmedien.de anschauen.

Männlich, gebildet und nicht behindert

Wer Gegner der Inklusion an Schulen sucht, der muss eigentlich nur nach gut (aus-)gebildeten, heterosexuellen Männern, wie Martenstein, Fleischhauer oder auch der Präsident des Deutschen Lehrerverbands Josef Kraus suchen. Zu der Typologie gehöre (leider) auch ich. Denn auch ich hatte das Glück eine gute Bildung zu genießen, mit dem richtigen Geschlecht geboren zu sein und meine sexuelle Orientierung passt auch. Nur die Mankos Ostdeutscher und Agnostiker könnten mir zum Verhängnis werden. Aber grundsätzlich stehen mir alle Türen offen, weil ich alle Privilegien genießen kann, die mir die Gesellschaft einfach so geschenkt hat.

Erst als ich vor fast vier Jahren bei den Sozialhelden angefangen habe, fand ich heraus, dass viele Menschen diese Privilegien nicht genießen dürfen. So darf mein Chef Raul Krauthausen nicht mehr als 2.600 Euro sparen und meine tolle Kollegin Adina musste lange darum kämpfen, dass sie ihr Wunschstudium absolvieren durfte, weil es angeblich nicht für Rollstuhlfahrerinnen zugänglich war. Adina und Raul sind mit dem Rollstuhl unterwegs und werden oft als Menschen mit Behinderungen bezeichnet. Als ich sie kennenlernte war ich schon 26 Jahre alt und hatte bis dahin von diesen Problemen, wie mangelnder Barrierefreiheit keine Ahnung. Erst heute reflektiere ich, dass meine Schule gar nicht barrierefrei war und auch im Studium kannte ich nur eine Kommilitonin, die nur ein Bein hatte. Aber auch da hatte ich mir nie Gedanken gemacht, wie sie eigentlich ihren Alltag lebt, beziehungsweise was für Barrieren sie überwinden muss.

Jetzt fast drei Jahre später ärgert es mich sehr stark, dass ich nicht früher schon den Kontakt mit Menschen zu Behinderungen in meinem Leben hatte, weil ich mich dann auch auch schon viel früher für Inklusion hätte einsetzen können. Denn es darf doch einfach nicht sein, dass die Gesellschaft Minderheiten die Privilegien vorenthalten, die ich jeden Tag genießen darf! Deswegen ist es auch wichtig, dass alle und besonders privilegierte Menschen das große gesellschaftliche Projekt Inklusion unterstützen.

Inklusion – keine Gleichmacherei, sondern Chance

Inklusion bedeutet nämlich nicht, dass wir eine Gleichmacherei fordern, sondern dass wir einfach anfangen die Privilegien (z.B. gleiche Bezahlung, Zugang zur Bildung, Arbeit und öffentlichen Orten), die einige genießen dürfen, abzuschaffen oder für alle Menschen anzubieten. Und deswegen möchte ich auch meine privilegierten Zugänge und Möglichkeiten dafür nutzen, dass wir nicht mehr darüber sprechen, wie Inklusion aussehen könnte, sondern endlich mal anfangen sie umzusetzen.

Dahinter steckt natürlich auch ein Eigennutz: In den letzten Monaten hatte ich immer mal wieder darüber nachgedacht, was wäre wenn ich irgendwann mal Vater werden würde und bei einer frühen Untersuchung festgestellt wird, dass das Kind vielleicht eine Behinderung bekommt. Vor allem bei Trisomie 21 sind die Untersuchungsmethoden und Abtreibungsregelungen leider sehr ausgereift. Wenn wir das Kind bekommen, möchte ich nicht in die Situation kommen meinem Kind sagen zu müssen: “Du hast nie die gleichen Privilegien wie andere Kinder, egal wie sehr wir dafür kämpfen”. Und auch wenn es bei mir keine Diskussion wäre, ob man diese Situation aushält oder sich doch gegen das Kind entscheidet, stehen bei so vielen Barrieren viele Eltern vor der Frage: “Wollen wir uns das wirklich antun?” In einer inklusiven Gesellschaft müsste man sich diese Fragen nicht stellen.

Wir sollten doch 2014 weiter sein als im Mittelalter und nicht mehr die Privilegien von Menschen mit der Geburt vergeben oder weil man einem gewissen Stand (gut gebildeter und nicht behinderter Mann) angehört. Andernfalls sollten sich Kolumnisten vielleicht eine Hofnarrenkappe aufsetzen, damit man auch erkennt in welchem Jahrhundert wir uns bewegen.

P.S. Es gibt natürlich auch gute Kolumnen mit dem Thema Behinderung, wie beispielsweise von Sybille Berg.

Interessante aktuelle Links zum Thema:

Leidmedien.de: Lehren mit Trisomie 21 (Downsyndrom)

ZEIT: Gymnasiastin mit Down-Syndrom

Inklusionsfakten.de: Kostenlose Auskunft für Inklusion- und Henri-Berichterstatter

TextGedanken: Was schulische Inklusion ist und was sie nicht ist

 

5 Kommentare

  1. Lisa

    2 Jahre ago

    toller Artikel, Andi. Endlich kommt mal der Aspekt der Macht in die Debatte um inklusive Bildung: “Definitionsmacht, Entscheidungsmacht, Rausposaunmacht. Es gibt Gruppen im Land, die können sich leichter Gehör verschaffen als andere: “Diskriminierung ist nicht nur eine Frage des individuellen Verhaltens. Diskriminierung hat mit dem komplexen Streben nach Macht zu tun, mit ideologischen Diskursen. Sie fordern komplexe und gut durchgedachte Gegenstrategien. Was als wahr gilt in eine Gesellschaft, hängt davon ab, welche Gruppe sich Raum und Gehör innerhalb dieser Gesellschaft verschaffen kann und wie sie sich legitimiert. Bedeutung, öffentliche Anerkennung und Ansehen sind damit Produkte von Macht und Teil von Ideologien”
    Quelle: PRASAD, Reddy: Vorurteile Verlernen. Antworten auf die Frage: Was ist Anti-Bias? In: INKOTA Netzwerk e.V. (Hrsg.): Vom Süden lernen. Erfahrungen mit einem Antidiskriminierungsprojekt und Anti-Bias Arbeit. Berlin: 2002, S. 36.

  2. […] lesenswert ist der Blogtext Die Hofnarren der Inklusion, in dem ein nichtbehinderter Mann seine eigenen Privilegien in der Inklusionsdebatte reflektiert. […]

  3. […] .ohrenflimmern Die Hofnarren der Inklusion […]

  4. Magnus aka MJKW

    2 Jahre ago

    Ui, viel Diskussionstoff: Ich finde die Formulierung “Privilegien” ehrlich gesagt nicht gut gewählt. Bei öffentlichen, und damit politisch wirksamen Äusserungen wie beim Artikel würde ich kaltschnäutzig immer sagen: es geht nie um Abbau von Priviliegien, sondern um Anheben auf Standards, die jedem zugänglich sein sollten. Das Denkmuster dahinter ist für mich ein anderes. Etwas ist “ein Privileg das einem Einzelnen (oder einer bestimmten Gruppe) vom Gesetzgeber im Sinne eines Gnadenerweises gewährte Vorrecht bezeichnet.” sagt die Wiki und damit entlarvt sie das Muster sehr gut. Grade bei Bildung aber auch bei Gesundheit, , Trinkwasser oder gesunder Lebensumwelt ist es für mich eine Setzung, dass das jedem/jeder zusteht und dass das daher nie ein “gewährtes Vorrecht” ist.

    Weiterer Punkt “Inklusion heisst anschliessend haben alle gleichrangige Chancen”: das geht halt an der biologischen Realität vorbei. Es gibt absolute Limits. Ich werde egal mit welcher Unterstützungsstruktur nie Langstreckenläufer. Ein Geburtsblinder wird immer besondere Herausforderungen gegenüberstehen, die andere nicht haben, und aus persönlicher Erfahrung aus familiennahén Bereich und Zivildienst: die Entwicklungsmöglichkeiten und Chancen bei den unterschiedlichen Auswirkungen von Tri21 sind auch nicht so, dass die Grenzen nicht spürbar sind. Ich bitte darum nicht falsch verstanden zu werden: es geht vieles besser und muss anders laufen als heute. Aber bitte, lasst uns auch anerkennen dass das Grenzen hat. Harte, schmerzhafte, ungerechte aber reale Grenzen. So und jetzt können wir über die Eindringtiefe lange reden, als KInd von jemandem der die ersten Inklusionsprojekte im Sauerland mit erlebt hat, sind mir die Herausforderungen klar. Aber halt auch davon was Überforderung oder Unterforderung mit Schülern macht, der Gedanke kommt mir im Beitrag zu kurz.

    Zuguter letzt noch ein Kommentar: Die Behauptung im Artikel das alles wäre nur um “männlich, gebildet, nichtbehindert” zu stützen find ich etwas schräg, weil viele Studien der letzten Jahre deutlich machen, das eher soziale Klasse und Elternhaus Bildungszugang und Erfolg bestimmen und nicht das Geschlecht oder andere Faktoren. Das Stichwort “white trash” ist längst in der deutenschen Realität angekommen. Etwas Statistik: Inzwischen sind 53 Prozent der Studierenden in der EU der 15 Staaten weiblich, in Deutschland 49,5 Prozent. Junge Frauen in Deutschland haben die Männer im Hinblick auf ihre Schulbildung nicht nur eingeholt, sondern schon überholt. Mädchen werden in Deutschland im Durchschnitt früher eingeschult, sie wiederholen seltener eine Klasse und besuchen häufiger ein Gymnasium als Jungen.

  5. […] hatte ja schon etwas sehr langes darüber geschrieben, und hier finden sich auch noch einmal lesenswerte Worte. Besonders schön finde ich die Zwischenüberschrift „keine Gleichmacherei, sondern […]

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